Auswirkungen durch die Corona-Pandemie auf den Nachtragsbericht

Aufsatz von Dr. Carola Rinker, StuB 10/2020 S. 377

I. Einleitung

Die dynamischen Entwicklungen seit Jahresbeginn durch die weltweite Ausbreitung des Coronavirus und den damit verbundenen wirtschaftlichen Auswirkungen haben die Jahresabschlusserstellung vor besondere Herausforderungen gestellt. Bei der Fertigstellung des Jahresabschlusses in den ersten beiden Monaten dieses Jahres wurde die Ausbreitung des Virus bei den Unternehmen noch nicht als besonderes Ereignis nach dem Abschlussstichtag eingeordnet.

Nach der Pandemie-Erklärung durch die WHO am 11.3.2020 zeigt sich hier die Veränderung: Nach diesem Tag fertiggestellte Jahresabschlüsse ordnen das Coronavirus als besonderes Ereignis ein und berichten darüber im Nachtragsbericht. Einige Unternehmen verweisen auf den Prognose- bzw. Risikobericht, in dem die Auswirkungen des Coronavirus berücksichtigt wurden. Aktuell (Stand: 4.5.2020) ist es aufgrund der dynamischen Entwicklungen für Unternehmen jedoch kaum möglich, ihre Prognosen zu aktualisieren. Dazu hat beispielsweise Volkswagen am 16.4.2020 eine Ad-hoc-Mitteilung veröffentlicht: 

„Es ist im Moment nicht absehbar, wann eine neue Prognose für das aktuelle Geschäftsjahr möglich ist. Die durch die Pandemie hervorgerufenen Auswirkungen auf die Kundennachfrage, Lieferketten und die Produktion sind aktuell nicht verlässlich einschätzbar.“

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Im zweiten Kapitel werden die gesetzlichen Grundlagen des Nachtragsberichts aufgezeigt, bevor im dritten Kapitel einige Beispiele aus der Praxis dargestellt werden. Der Beitrag schließt mit einem Ausblick und Fazit. 

II. Gesetzliche Grundlagen des Nachtragsberichts

Im sog. Nachtragsbericht müssen Unternehmen gem. § 285 Nr. 33 HGB über Vorgänge nach dem Abschlussstichtag berichten, sofern diese von besonderer Bedeutung sind. Diese Angabepflicht entfällt lediglich dann, wenn diese Vorgänge bereits in der GuV oder der Bilanz berücksichtigt wurden. Demnach muss lediglich über wertbegründende Vorgänge berichtet werden.

Von einem besonderen Vorgang kann unter den folgenden Voraussetzungen ausgegangen werden: Zwischen dem Beginn des Geschäftsjahres und der Aufstellung des Jahresabschlusses haben sich bedeutsame Entwicklungen sowie Tendenzen ergeben, die das durch den Abschluss vermittelte Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage wesentlich beeinflussen sowie die Einschätzung der Abschlussadressaten ändern würden. 

Sofern diese Voraussetzungen gegeben sind, müssen sowohl die Art als auch die finanziellen Auswirkungen im Anhang angegeben werden. Eine Angabe ist nur dann nicht verpflichtend, falls es sich nicht um einen besonderen Vorgang handelt. Lediglich kleine Kapitalgesellschaften sind von dieser Angabepflicht gem. § 288 Abs. 1 Nr. 1 HGB befreit.

III. Darstellung ausgewählter Praxisbeispiele

Die Auszüge aus den Nachtragsberichten einiger DAX-Konzerne zeigen erhebliche Unterschiede bei der Einordnung des Ausbruchs des Coronavirus als besonderes Ereignis. 

Henkel und Adidas haben ihren Jahresabschluss bereits Ende Januar bzw. Februar 2020 fertiggestellt. Da zu diesem Zeitpunkt die Entwicklungen der Ausbreitung des Coronavirus in Europa noch nahezu keine Rolle spielten, findet sich hier im Nachtragsbericht kein Hinweis des Coronavirus als besonders wichtiges Ereignis. In beiden Fällen erfolgt der Hinweis, dass zwischen dem Abschlussstichtag und der Aufstellung des Jahresabschlusses keine Vorgänge von besonderer Bedeutung eingetreten sind, wie der folgende Auszug zeigt. 

Auszug aus dem Jahresabschluss der Adidas AG 2019 (S. 46): 

Angaben zu § 285 Nr. 33 HGB
Es sind nach Schluss des Geschäftsjahres keine Vorgänge von besonderer Bedeutung eingetreten.“
Unterschriftsdatum: 25.2.2020"

Volkswagen nennt im Geschäftsbericht die Ausbreitung des Coronavirus und verweist bei den Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage auf den Prognose- sowie Chancen- und Risikobericht: 

Auszug aus dem Geschäftsbericht der Volkswagen AG 2019 (S. 328):
„Andauernde Einschränkungen aufgrund des Coronavirus könnten negative Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage in 2020 haben. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf unsere Ausführungen im Lagebericht in den Kapiteln „Prognosebericht“ und „Risiko- und Chancenbericht“.“ 

Anders als Volkswagen sind die Ausführungen im Nachtragsbericht bei BMW deutlich ausführlicher. Wie die Ausführungen verdeutlichen, hat BMW die Prognosen während der Abschlusserstellung überarbeitet. Es wird direkt im Nachtragsbericht darauf hingewiesen, dass mit negativen Auswirkungen auf allen Absatzmärkten gerechnet wird. 

Auszug aus dem Jahresabschluss der BMW AG 2019 (S. 25): 

Nachtragsbericht
Am 30.1.2020 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO den internationalen Gesundheitsnotstand aufgrund des Ausbruchs des Coronavirus ausgerufen. Seit dem 11.3.2020 stuft die WHO die Verbreitung des Coronavirus nunmehr als Pandemie ein.
Der weitere Verlauf der Ausbreitung des Coronavirus und Folgen auf den Geschäftsverlauf der BMW AG werden laufend überwacht. Die BMW AG geht auf Grundlage der jüngsten Entwicklungen davon aus, dass sich die zunehmende Ausbreitung des Coronavirus und die notwendigen Eindämmungsmaßnahmen auf den Fahrzeugabsatz der BMW AG in allen wesentlichen Absatzmärkten negativ auswirken werden. Weiterhin bestehen Risiken bei vor- und nachgelagerten Prozessen (z. B. mögliche Versorgungsengpässe durch fehlende Zulieferungen).
Die der BMW AG bekannten Abschätzungen und Annahmen für das Geschäftsjahr sind im Prognosebericht berücksichtigt und beschrieben. Darüber hinaus sind zum jetzigen Zeitpunkt keine wesentlichen weiteren Belastungen bekannt oder abschätzbar. Im Jahresverlauf sind jedoch weitere Belastungen möglich.
Darüber hinaus sind nach dem Ende des Geschäftsjahres keine Ereignisse eingetreten, die eine besondere Bedeutung für die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der BMW AG haben.“

Auszug aus dem Jahresabschluss der BMW AG 2019 (S. 6):
„Am 10.3.2020 wurde der Jahresabschluss der BMW AG vom Vorstand aufgestellt. Auf Basis der jüngsten Entwicklungen im Hinblick auf die Ausbreitung des Coronavirus wurden die ursprünglichen Prognoseaussagen für die BMW Group, die Annahmen zur Entwicklung der Weltwirtschaft und die volkswirtschaftlichen Risiken und Chancen für das Geschäftsjahr 2020 im zusammengefassten Lagebericht sowie der Nachtragsbericht vom 16.3.2020 vom Vorstand angepasst. Am selbigen Tag hat der Vorstand den Jahresabschluss der BMW AG erneut aufgestellt.“

Die beschleunigte Ausbreitung des Coronavirus zwischen Februar und März 2020 zeigt hier erhebliche Unterschiede bei der Einordnung der Corona-Pandemie als besonderes Ereignis: Die Pandemie-Erklärung der WHO erfolgte erst am 11.3.2020, so dass die Annahmen im Februar 2020 noch andere waren als dies bereits wenige Wochen später der Fall war. 

Lufthansa und HeidelbergCement haben jeweils ihren Jahresabschluss nach dem Tag der Pandemie-Erklärung unterzeichnet und daher die Ausbreitung des Coronavirus als berichtspflichtiges Ereignis nach dem Abschlussstichtag eingeordnet. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen (Stand: 4.5.2020) ist davon auszugehen, dass die derzeit prognostizierten Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage von Lufthansa noch deutlich gravierender sein werden als dies bei der Aufstellung des Jahresabschlusses angenommen wurde.

So veröffentlichte das FINANCE-Magazin am 8.4.2020 das folgende Zitat:
„Der Vorstand der Deutschen Lufthansa AG erwartet keine schnelle Rückkehr der Luftverkehrsindustrie auf das Niveau vor der Coronakrise. Nach seiner Einschätzung wird es Monate dauern, bis die globalen Reisebeschränkungen vollständig aufgehoben sind und Jahre, bis die weltweite Nachfrage nach Flugreisen wieder dem Vorkrisen-Niveau entspricht.“

Auszug aus dem Jahresabschluss der Deutschen Lufthansa AG 2019 (S. 21): 

„Ausbreitung des Coronavirus beeinflusst finanzielle Entwicklung der Lufthansa Group erheblich
Die zunehmende Ausbreitung des Coronavirus hat zu einer deutlichen Reduzierung der Nachfrage nach Flugreisen geführt. Einzelne Länder, darunter die USA, verhängten einen Einreisestopp für Fluggäste aus der Europäischen Union. Dies hat bei den Airlines des Konzerns zu Buchungsrückgängen und Flugstornierungen geführt. In Reaktion darauf hat der Konzern entschieden, sein Flugangebot deutlich zu verringern und umfassende Sparmaßnahmen im Personalbereich sowie bei Sachkosten und Projektbudgets umzusetzen. Durch Liquiditätsmaßnahmen wird außerdem die Kapitalausstattung weiter verbessert.“
Datum der Unterschrift: 13.3.2020

HeidelbergCement verweist im Nachtragsbericht auf ausführlichere Erläuterungen zu den Auswirkungen des Corona-Virus im Prognose- und Risikobericht: 

Auszug aus dem Bericht zum Jahresabschluss der HeidelbergCement AG 2019 (S. 32)
Nachtragsbericht
Nach dem Bilanzstichtag 31.12.2019 haben sich keine (sic!) berichtspflichtigen Ereignisse ergeben. Für die Auswirkungen des Coronavirus (COVID 19 – Coronavirus SARS-CoV-2) auf unsere Geschäftstätigkeit verweisen wir auf die im zusammengefassten Lagebericht des HeidelbergCement Konzerns und der HeidelbergCement AG im Kapitel Prognosebericht auf S. 58 f. und im Kapitel Risikobericht auf S. 67 gemachten Ausführungen.“
Datum der Unterschrift: 18.3.2020

IV. Fazit und Ausblick

Unternehmen müssen im Anhang über besondere Ereignisse berichten, sofern diese zwischen dem Abschlussstichtag und dem Zeitpunkt der Aufstellung des Jahresabschlusses eingetreten sind. Da der Ausbruch des Coronavirus bei Unternehmen mit dem Abschlussstichtag 31.12.2019 mit dem Zeitpunkt der Erstellung des Jahresabschlusses zusammenfällt, kommt in diesem Jahr der Jahresabschlusserstellung eine besondere Bedeutung zu. 

Die dargestellten Praxisbeispiele haben gezeigt: Bei im Januar bzw. Februar 2020 fertig gestellten Jahresabschlüssen wurde das Coronavirus noch nicht als besonderes Ereignis eingestuft. Sofern die Fertigstellung des Jahresabschlusses jedoch in den März 2020 fiel, hatten die beschleunigten Entwicklungen das Virus bereits als besonderes Ereignis eingestuft. 

Für die Jahresabschlüsse 2020 werden sich die zahlenmäßigen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Unternehmen zeigen. Auch werden sich bei der Aufstellung der Risikoberichte Konsequenzen ergeben. Doch derzeit kämpfen viele Unternehmen vorerst mit den kurzfristigen Folgen der Corona-Pandemie und dem damit verbundenen shutdown der Wirtschaft, bevor sie sich mit den mittelfristigen Konsequenzen beschäftigen.

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