Zahnräder

Internationale Rechnungslegung und Unternehmensbesteuerung in struktureller Neuordnung

Was lange Zeit als funktionale Arbeitsteilung zwischen externer Finanzberichterstattung und steuerlicher Gewinnermittlung verstanden wurde, entwickelt sich zu einem integrierten Steuerungs- und Kommunikationssystem. Kapitalmarktanforderungen, regulatorische Reformen und gesellschaftliche Erwartungen verdichten sich zu einer Berichterstattung, in der finanzielle Leistung, steuerliche Belastung und nachhaltigkeitsbezogene Verantwortung nicht mehr getrennt voneinander betrachtet werden können.

Dabei bleibt das Fundament anspruchsvoll: Fragen der Bewertung, der Periodenabgrenzung und der Ergebnisdarstellung prägen weiterhin die IFRS-Praxis. Mit Reformprojekten zur Neustrukturierung der Erfolgsberichterstattung – etwa durch IFRS 18 – wird die Vergleichbarkeit gestärkt und die Transparenz der Leistungsmessung neu justiert. Gleichzeitig erzeugen bestehende Standards wie IFRS 13 oder IAS 36 in volatilen Marktumfeldern erhebliche Ermessens- und Prognoseanforderungen. Neu ist jedoch die Intensität der Verzahnung mit steuerlichen Fragestellungen.

Steuerliche Transformation als bilanzielle Herausforderung

Mit der globalen Mindestbesteuerung (OECD/G20-Pillar Two) ist die internationale Unternehmensbesteuerung in eine neue Phase eingetreten. Effektive Steuerquoten werden nicht mehr ausschließlich Ergebnis unternehmensinterner Steuerplanung, sondern Gegenstand international koordinierter Mindeststandards. Für die Rechnungslegung bedeutet dies eine Neubewertung der Steuerpositionen, Anpassungen bei der Anwendung von IAS 12 sowie erhöhte Transparenzanforderungen.

Die steuerliche Sphäre wird damit sichtbarer – nicht nur gegenüber Finanzbehörden, sondern auch gegenüber Investoren, Öffentlichkeit und weiteren Anspruchsgruppen. Länderbezogene Berichtspflichten und erweiterte Anhangangaben verschieben den Charakter der Steuerberichterstattung von einer primär administrativen zu einer strategisch-kommunikativen Funktion.

Gleichzeitig stellen sich Bewertungsfragen neu. Die Realisierbarkeit aktiver latenter Steuern hängt zunehmend von geopolitischen Rahmenbedingungen, regulatorischer Stabilität und langfristigen Geschäftsmodellen ab. Steuerliche Prognosen und finanzielle Planungsrechnungen verschränken sich enger als bisher.

Nachhaltigkeit, Steuerstrategie und Steuertransparenz

Mit der Etablierung globaler Nachhaltigkeitsstandards durch das International Sustainability Standards Board (ISSB) und der europäischen CSRD-Architektur erweitert sich das Verständnis von Unternehmensverantwortung. Die Steuerstrategie und der verantwortungsbewusste Umgang mit steuerlichen Pflichten werden Teil der nachhaltigkeitsbezogenen Offenlegung. Die Trennung zwischen finanzieller und nichtfinanzieller Berichterstattung verliert damit weiter an Schärfe.

Digitalisierung und Systemintegration

Parallel transformiert die Digitalisierung die Finanz- und Steuerfunktion grundlegend. Datengetriebene Prozesse, automatisierte Konsolidierungssysteme und maschinenlesbare Berichtsformate erhöhen Effektivität und Vergleichbarkeit, machen jedoch Konsistenzanforderungen zwischen Datenstrukturen in den Bereichen Rechnungswesen und Steuern unabdingbar.

Wo unterschiedliche Regelwerke – IFRS, nationale Steuerrechte oder europäische Nachhaltigkeitsstandards – parallel anzuwenden sind, entsteht ein Koordinationsproblem, das nicht mehr allein technisch, sondern konzeptionell zu lösen ist. Bewertungsunterschiede, divergierende Wesentlichkeitskonzepte und verschiedene Adressatenlogiken müssen aufeinander abgestimmt werden, um Inkohärenzen und Reputationsrisiken zu vermeiden.

Internationale Rechnungslegung und Unternehmensbesteuerung entwickeln sich damit zu einem integrierten Informationsraum. Transparenzanforderungen betreffen gleichermaßen finanzielle Kennzahlen, Steuerquoten und Nachhaltigkeitsindikatoren. Die Herausforderung besteht nicht mehr nur in der normgerechten Anwendung einzelner Standards, sondern in der kohärenten Gestaltung eines mehrdimensionalen Berichtssystems. 


Themenschwerpunkt der aktuellen BFuP

Die aktuelle Ausgabe der BFuP greift diese Entwicklungen auf. Diskutiert werden unter anderem Fragen der Wirksamkeit von Rechenschaftsmechanismen und der Rolle von Unternehmensberatern im Kontext eines opportunistischen Verhaltens bei Geschäftswertabschreibungen. Ein weiterer Beitrag widmet sich der Initiative des Exposure Draft 2024/1, künftig die Berücksichtigung auch solcher Erweiterungsinvestitionen und Restrukturierungen im Nutzungswert nach IAS 36 zuzulassen, deren Umsetzung noch nicht verpflichtend ist, und analysiert die Stellungnahmen zu dieser geplanten Änderung.

Zudem findet sich in dieser Ausgabe eine qualitative Untersuchung zur Wahrnehmung des Steuerverhaltens multinationaler Unternehmen durch natürliche Personen im Kontext ihrer eigenen Steuermoral. Die genannten Themenbeiträge werden ergänzt durch eine historisch-kritische Untersuchung zur Geschichte der kaufmännischen Verwendung absatzpolitischer Instrumente in Deutschland.

Prof. Dr. Michael Olbrich und Prof. Dr. Lutz Richter, Mit-Herausgeber der BFuP

BFuP – Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis online – Das Diskussionsforum für Wissenschaft und Praxis.

Die BFuP ist eine der traditionsreichsten deutschsprachigen wissenschaftlichen Zeitschriften auf dem Gebiet der Betriebswirtschaftslehre und als solche im Social Sciences Citation Index erfasst. Sie wendet sich gleichermaßen an Theoretiker wie Praktiker.

Jede Online-Ausgabe liefert Ihnen Beiträge und Meinungen zu einem bestimmten Themenschwerpunkt. Diese sind insbesondere das Rechnungs- und Finanzwesen, das Prüfungs- und Steuerwesen sowie die Unternehmensbewertung. Darüber hinaus finden Sie in der BFuP aber auch Themen aus der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre. Die BFuP fungiert als Diskussionsforum für Wissenschaft und Praxis und übernimmt in ihren Schwerpunktthemen eine Vorreiterrolle bei der Behandlung neuer wissenschaftlicher oder praktisch bedeutsamer Fragestellungen.

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